Vom Flüchtlingslager zur WM? Die außergewöhnliche Geschichte der Toure-Brüder
Geboren in einem Flüchtlingslager, jetzt auf den großen Fußballplätzen der Welt zu Hause. Al Hassan und Mohamed Toure dürfen sich mittlerweile berechtigte Hoffnungen auf die Teilnahme an der Weltmeisterschaft im Sommer machen.
29.03.2026 | 20:16 Uhr
Daran war damals bei ihrer Geburt in einem Flüchtlingslager in Guinea überhaupt nicht zu denken. Das ist die außergewöhnliche Geschichte der Toure-Brüder.
Von Mika Nestler
"Es ist der Traum eines jeden Jungen, einmal bei einer Weltmeisterschaft mitzuspielen", schwärmte Al Hassan Toure.
Er und sein Bruder Mohamed Toure träumen genau davon: ein Ticket für die WM in Kanada, Mexiko und den USA. Der Weg dorthin? Steinig, kompliziert - fast schon filmreif. Zwei Brüder, die sich von einem Flüchtlingslager bis in den Profifußball gedribbelt haben.
Geburt im Flüchtlingslager
Beide kamen unter erschütternden Bedingungen in einem Flüchtlingslager in Conakry (Guinea) zur Welt. Al Hassan, der älteste von insgesamt sechs Geschwistern, wurde im Jahr 2000 von Mutter Mawa geboren. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er in einer Lehmhütte - ohne echte Perspektive, ohne greifbare Zukunft. Was er jedoch hatte: liebende Eltern, die ihrem Sohn stets Positivität und Lebensfreude vermittelt haben - selbst in einer der aussichtslosesten Situationen, in der sich ein junger Mensch befinden kann.
Vier Jahre später kam Bruder Mohamed zur Welt. Doch die neun Monate Schwangerschaft hatten sich zuvor als noch herausfordernder herausgestellt als das Leben ohnehin schon gewesen war. Wenig Trinkwasser, wenig Nahrung - die knappen Ressourcen im Camp hatten die Schwangerschaft gefährlich und kompliziert gemacht. Mutter Mawa war regelmäßig krank. Zwischenzeitlich war sogar unklar, ob ihr Sohn überhaupt leben würde.
Im März kam aber schließlich ein gesundes Baby zur Welt. "Meine Mutter und ich haben eine ganz besondere Verbindung. Denn damals in Afrika, als sie mit mir schwanger war, hatte sie kaum etwas zu essen oder zu trinken - und die Schwangerschaft war sehr schwer", sagte der heute 22 Jahre alte Stürmer einst gegenüber The Athletic.
Die Wende: Ein neues Leben in Australien
Die junge Mutter war gemeinsam mit Mann Amara aus dem vom Bürgerkrieg betroffenen Liberia ins Nachbarland geflohen. In Guinea suchten sie nach Schutz und Hoffnung.
Mohamed war gerade einmal acht Monate alt, als Vater Amara schließlich eine australische Hilfsarbeiterin kennenlernte. Diese erzählte vom Land "Down Under" und berichtete von einem besseren Leben. Die Familie wagte den Schritt, alles Bekannte hinter sich zu lassen und zu neuen Ufern aufzubrechen. Eine schicksalhafte Fügung, die das Leben der Familie für immer verändern sollte.
Dank dieser wegweisenden Entscheidung wuchsen Al Hassan und Mohamed fortan in Croydon auf, einem Vorort der Großstadt Adelaide - im Süden Australiens. Dort meldete Amara die beiden Brüder umgehend beim lokalen Fußballverein Croydon Kings FC an. "Er wollte, dass wir die Möglichkeit bekommen, Fußball zu spielen - etwas, das wir lieben und das auch er geliebt hat", erzählte Al Hassan. Eine scheinbar kleine Entscheidung - mit enormer Wirkung.
Zwei Brüder, zwei Karrieren
Es war der Startschuss für zwei bemerkenswerte Karrieren. Al Hassan gab im August 2019 sein Profi-Debüt für Adelaide United. Nach mehreren Zwischenstationen, unter anderem beim AC Ajaccio in Frankreich oder dem FC Tulsa in den USA, wechselte er 2025 zum australischen Hauptstadtklub Sydney FC. Dort zählte der 25-jährige Flügelspieler in dieser Saison - bis zu seiner Verletzung - zum Stammpersonal.
Auch Mohameds Profi-Karriere nahm bei Adelaide United ihren Anfang. 2020 wurde er in die erste Mannschaft der "Reds" berufen und schrieb direkt Geschichte: Mit einem Tor im Alter von gerade einmal 15 Jahren und 326 Tagen wurde er zum jüngsten Torschützen der Liga-Geschichte. Französische Klubs wurden schnell auf das junge Talent aufmerksam und holten ihn nach Europa.
Über die Reserve von Stade Reims und Paris FC landete der Jungstar 2024 beim dänischen Erstligisten Randers FC. Doch auch dort blieb er nicht allzu lang: Im Februar 2026 wechselte er schließlich zu Norwich City in die zweite englische Liga (EFL Championship). Fünf Pflichtspiele, fünf Tore, eine Vorlage - ein Start, der sich sehen lassen kann.
Es ist eine Geschichte, die fast zu gut klingt, um wahr zu sein: Zwei Brüder, die unter widrigsten Bedingungen aufwachsen und es mit Familienzusammenhalt, Glauben und Talent in den Profifußball schaffen. Doch die Toure-Brüder sind noch lange nicht am Ziel!
WM 2026 als großer Traum
Nun träumen beide davon, im Sommer bei der Weltmeisterschaft für Australien aufzulaufen. Al Hassan konnte schon einen Schritt in die richtige Richtung gehen: Er gab im November 2025 sein Debüt für die "Socceroos" - und hat nun Blut geleckt. Mohamed hatte dagegen bereits 2023 sein Premiere für die A-Nationalmannschaft gefeiert. Mittlerweile kommt der Mittelstürmer auf acht Länderspiele und zwei Tore.
Das bisherige Highlight der Brüder: Al Hassan und Mohamed kamen im November 2025 beide im Länderspiel gegen Venezuela (0:1) zum Einsatz. Auch wenn sie nicht gleichzeitig auf dem Platz standen, war dieser Tag historisch. Bis dato waren sie das gerade einmal siebte Bruder-Paar, das für den Kontinent-Staat aufgelaufen ist - inzwischen gibt es acht.
Für die aktuellen Länderspiele sind die Geschwister von Nationaltrainer Tony Popovic nicht nominiert worden. Al Hassan aus rein sportlichen Gründen, Mohamed fehlt verletzungsbedingt. Noch bleibt aber genug Zeit, um sich in den kommenden Monaten mit guten Leistungen den großen WM-Traum zu erfüllen.
Sollten die Toure-Brüder im Sommer dann mit Australien am bedeutendsten Turnier der Welt teilnehmen, wäre es der bisherige Höhepunkt einer ohnehin schon außergewöhnlichen Geschichte.
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