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Kühnen Kompakt – die Sky Tennis-Kolumne von Patrik Kühnen

Kühnen: "Djokovic, ein Gewinner in seiner bittersten Niederlage"

25.09.2021 | 15:57 Uhr

Patrik Kühnen analysiert in seiner Kolumne die spannendsten Themen aus der Tennis-Welt.
Image: Patrik Kühnen analysiert in seiner Kolumne die spannendsten Themen aus der Tennis-Welt.  © Sky

Sky Experte Patrik Kühnen beleuchtet in seiner Kolumne die wichtigsten Themen aus der Tennis-Welt. Der ehemalige Davis-Cup-Kapitän ist begeistert von den vielen Geschichten beim letzten Grand-Slam-Turnier des Jahres, den US Open.

Für den Turnierdirektor der BMW Open in München kam die klare Finalniederlage von Novak Djokovic gegen Daniil Medwedew überraschend. Djokovic brach unter dem großen Druck ein und verpasste die historische Chance auf den Grand Slam. Kühnen ist sich dennoch sicher: Der Djoker hat trotz dieser großen Niederlage ganz viel für sich gewonnen.

"So oft in seiner Tenniskarriere und vor allem in diesem Jahr hat Novak Djokovic wie ein Außerirdischer gespielt. Bei den Australian Open, bei den French Open, exemplarisch im Halbfinale gegen Rafael Nadal, aber auch im Finale nach 0:2-Satzrückstand gegen Stefanos Tsitsipas. Ebenso in Wimbledon und nun auch in New York bei den US Open, so gesehen im Halbfinale gegen Alexander Zverev.

Die deutsche Nummer eins, angetreten mit einer 16:0-Matchbilanz, spielte enorm stark auf, warf der aktuellen Nr. 1 so viel entgegen und erzwang einen fünften Durchgang. Doch dann legte Djokovic wieder einmal den Schalter um, spielte wieder einmal ein noch höheres Level und gewann in den wichtigen Momenten, wie so oft bereits zuvor, die entscheidenden Punkte.

Nach dieser herausragenden Leistung fehlte Djokovic 'nur' noch ein einziger Sieg, um sich seinen großen Traum zu verwirklichen, den Grand Slam, der Sieg aller vier Grand-Slam-Turniere in einem Jahr.

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Medwedew in allen Belangen überlegen

Doch Djokovic konnte dem gigantischen Druck nicht standhalten, seine Beine verweigerten den sonst so vorzüglichen Dienst. Dazu kam ein fantastischer Gegner mit Daniil Medwedew, der sich am Ende völlig verdient glatt in drei Sätzen seinen ersten Grand-Slam-Titel sicherte.

6:4, 6:4, 6:4 - so die ziemlich nüchternen Zahlen. Doch auf dem Platz spielte sich ein Djokovic-Drama ab. Nichts gelang, sein sonst so genialer Return verpuffte an diesem Tag gegen die heftigen Aufschläge von Medwedew. Der Russe hatte auch in den langen Ballwechseln von der Grundlinie die Oberhand. Die Ballmaschine Djokovic machte die Fehler, die er sonst bei seinen Gegnern erzwingt. Djokovic zog es stattdessen immer wieder ans Netz, er wollte raus an den Rallyes, eigentlich überhaupt nicht sein Spiel. Medwedew war in allen Belangen überlegen.

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Alles kulminierte im letzten Seitenwechsel beim Stand von 5:4 im dritten Satz für Medwedew. Djokovic konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten, als das Publikum ihn immer lauter anfeuerte und versuchte, ihn nach vorne zu peitschen. Der Djoker wurde von dieser, für ihn so ungewohnten Zuneigung und von der Gesamtsituation übermannt. "Ich habe die Partie verloren, ich bin jedoch der glücklichste Mensch auf der Welt. Ihr habt mein Herz berührt", sagte er bei der Siegerehrung.

Djokovic plötzlich nahbar, ja fast greifbar

Die meisten Zuschauer im Arthur Ashe Stadium wollten Historisches sehen, doch dazu war Djokovic an diesem Abend nicht in der Lage. Er zeigte Schwächen und er zeigte Emotionen. Er wurde plötzlich nahbar, ja fast greifbar. Und genau das ist es, was ihn den Tennisfans noch nähergebracht hat. Näher als je zuvor.

Djokovic - das war vor allem der 'Roboter', die 'Maschine', der 'Außerirdische'. Der mental stärkste Spieler ohne Fehler in den entscheidenden Momenten. Von den meisten Tennisfans natürlich respektiert für seine außergewöhnlichen Leistungen, aber geliebt?

Doch genau diese Zuneigung, diese Unterstützung der breiten Masse, wie bei seinen größten Kontrahenten Roger Federer (z.B. im Wimbledon Finale 2019) und Rafael Nadal, hat Djokovic sich in seiner Karriere immer gewünscht. In New York hat er diese Zuneigung erfahren.

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Djokovic verpasst den Grand Slam - und gewinnt dennoch

"Es war etwas, das ich noch nie in meinem Leben zuvor gefühlt habe. Das Gefühl ist so stark wie 21 Grand-Slam-Siege." So hat Djokovic in seiner sportlich größten Niederlage doch noch ganz viel gewonnen.

Der Preis, den er dafür bezahlt hat, ist sehr hoch. Die Chance auf den Grand Slam ist in weite Ferne gerückt. Doch mit dieser Niederlage und diesen Bildern von New York könnte sich in der Wahrnehmung von Djokovic etwas Entscheidendes drehen. Denn der Serbe könnte nun in den letzten Jahren seiner Karriere genau diese Zuneigung, Akzeptanz und Liebe erfahren, die er sich seit langer Zeit so sehr gewünscht hat."

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