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Kommentar von Sky Reporter Sven Töllner zum HSV-Debakel

Kommentar zum HSV-Debakel: "Von allen zu wenig von allem"

Sven Töllner

02.07.2020 | 13:47 Uhr

Der Hamburger SV wird auch in der nächsten Saison in der 2. Bundesliga spielen.
Image: Der Hamburger SV wird auch in der nächsten Saison in der 2. Bundesliga spielen. © Sky

Der Hamburger SV scheitert krachend - erneut! Der einstige Bundesliga-Dino wird eine weitere Saison in der 2. Bundesliga spielen. Ein Kommentar von Sky Reporter Sven Töllner.

Wer wohl jetzt die Schuld bekommt? Vielleicht die Medien. Oder Bernd Hoffmann. Möglicherweise auch die Erwartungshaltung, von der immer alle reden. Dieser imaginäre Dauerdruck, der in Hamburg ja so viel unangenehmer sein soll als andernorts. Dabei wäre es vielleicht kein Fehler, einander nach dieser erbärmlichen Saison in die Augen zu schauen, miteinander Tacheles zu reden - und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Personell und strukturell!

Dass die Hamburger für spektakuläre Pointen gut sind, kann ja niemanden überraschen. Der Abschluss-Tusch der Saison gegen Sandhausen (14338 Einwohner) hat gleichwohl eine besondere Würdigung verdient. Während die Heidenheimer (48811 Einwohner), die den HSV in der Vorwoche düpiert hatten, auf der Alm untergingen, hätte das Team von Dieter Hecking das Minimalziel Relegation mit einem Heim-Remis perfekt machen können.

Und dann das: 1:5. EINS ZU FÜNF! Klar, dass HSV-Idol Dennis Diekmeier mit dem zweiten Tor seiner 12-jährigen Profi-Karriere den Endstand besorgte. Der brutale Tiefpunkt einer HSV-Spielzeit, die an ernüchternden bis erschütternden Momenten ohnehin einiges im Angebot hatte - die beiden Derby-Pleiten gegen St. Pauli (Platz 14 in der Abschlusstabelle) sollen hier als Beleg reichen.

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Hamburger SV: Die Fans gehen mit der Mannschaft nach dem 1:5-Debakel gegen Sandhausen hart ins Gericht (Videolänge: 1:06 Min).

Der Ruf nach Konsequenzen wird nach dem vielschichtigen Kollektivversagen nun vielstimmig durch den Volkspark hallen. Und das natürlich vollkommen zu Recht. Dabei sollte es nicht um Bußbescheide für Verfehlungen gehen, sondern um konstruktive Maßnahmen für eine bessere Zukunft. Dafür müssen beim HSV konkrete Fragen gestellt und beantwortet werden.

1. Kann man mit Dieter Hecking weitermachen?

Der Trainer, der intern immer mal wieder Amtsmüdigkeit angedeutet haben soll, hat kaum belastbare Argumente für einen neuen Vertrag sammeln können. Für die ungenügende Endphase der Saison ist der erfahrene Coach natürlich maßgeblich mitverantwortlich. Die etlichen Nackenschläge in der Nachspielzeit, die diskutablen Formationen in den letzten beiden Partien (orientierungslose Dreier-Abwehrketten) - der Trainer hat seine Mannschaft auf der Zielgeraden mental und strategisch nicht mit dem angemessenen Rüstzeug in die Schlacht geschickt.

Angesichts von Heckings prall gefülltem Fußball-Erfahrungsschatz ein enttäuschendes Defizit. Sein Angebot, den HSV auch im Misserfolgsfall (sein Vertrag hätte sich nur bei Aufstieg verlängert) weiterzutrainieren, soll intern nicht flächendeckend für Jubelgesänge gesorgt haben. Die Analyse der kommenden Tage wird Klarheit bringen.

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HSV-Trainer Dieter Hecking über den verpassten Aufstieg

2. War der Kader zu schlecht für den Aufstieg?

Die Suche nach Spielern, die weitgehend konstant das erwartete Niveau abgerufen haben, ist schnell beendet. Tim Leibold hatte eine vergleichsweise kurze Schwächephase, Joel Pohjanpalo hat in seinem halben Jahr in Hamburg neun Tore erzielt, Julian Pollersbeck hat anständig gehalten, nachdem er ran durfte. Und sonst? Keine teaminterne Führungsstärke (Aaron Hunt), stetig nachlassende spielerische Klasse (Adrian Fein) und eine erschreckende Instabilität im Defensivverbund (alle Innenverteidiger). Das reicht nicht für die Spitzengruppe in einer Liga, die in diesem Jahr gewiss nicht reich an Spitzenteams war.

3. Sitzen die Bosse stabil im Sattel?

Der Aufsichtsratsvorsitzende und Präsident Marcell Jansen (mit Unterstützung seines Gremiums) und die Vorstände Jonas Boldt und Frank Wettstein (mit gesenktem Daumen) haben dafür gesorgt, dass der Boss mitten in der Saison vom Hof gejagt wurde. Die sportliche Bankrotterklärung setzt nach Bernd Hoffmanns Rauswurf nun natürlich insbesondere die beiden verbliebenen AG-Vorstände unter Druck.

Boldt steht im Fokus, weil sein Kader nicht geliefert hat. Xavier Amaechi (2,5 Mio. Ablöse) - ein Flop. Ewerton (2 Mio) - ein Rätsel. Martin Harnik (Leihe), Timo Letschert, Sonny Kittel (ablösefrei) - mit erheblichen, zum Teil spielentscheidenden Schwankungen. Die Winter-Nachkäufe Jordan Beyer und vor allem Louis Schaub haben überwiegend enttäuscht. Keine gute Bilanz des Chefeinkäufers. Die Frage, die intern zu klären sein wird, lautet: Können die Spieler nicht mehr leisten, oder hat Hecking zu wenig aus ihnen herausgeholt?

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HSV-Trainer Dieter Hecking über seine Zukunft in Hamburg

Auseinandersetzungen über die Deutungshoheit wären nicht überraschend. Beim Blick in die Zukunft kommt Finanz-Boss Frank Wettstein ins Spiel. Der ehrgeizige Herr der Zahlen wird den Rahmen dafür vorgeben, in welchem Ausmaß der Kader verstärkt werden kann. Die Bedingungen stimmen in der Hinsicht nicht gerade zuversichtlich. Der Etat für das Team sollte (muss) bei Nichtaufstieg ohnehin heruntergefahren werden.

Zum zusätzlichen wirtschaftlichen Druck durch die Corona-Krise kommen überdies beunruhigende - wenn auch bislang unbestätigte - Signale aus Schindellegi. Die finanzielle Hilfsbereitschaft von Anteilseigner und Stadionsponsor Klaus-Michael Kühne soll derzeit gegen Null tendieren. Es droht also ein nachhaltiges sportliches und wirtschaftliches Fiasko. Den Weg aus dem Dilemma müssen die Bosse weisen. Ob alle Verantwortungsträger erfahren, abgeklärt und innovativ genug sind, um das poröse Gesamtgebilde auf stabile Füße zu stellen, bleibt abzuwarten.

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Der HSV muss Entscheidungen treffen. Mit Bedacht - aber auch mit Tempo. Jeder Tag, der mit ungeklärten Machtverhältnissen und zähen Personaldiskussionen vergeudet wird, verleiht den besser sortierten Konkurrenten einen Geschwindigkeitsvorteil am Markt und solidere Planungssicherheit. Alles in allem war es beim HSV von allen zu wenig von allem. Dass alle Angestellten die Horror-Saison mit dem haarsträubenden Schlussakkord im Amt überstehen, ist derzeit nicht anzunehmen!

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